Wenn meine Klienten sich auf die MPU vorbereiten, denken die meisten zuerst an das psychologische Gespräch und die dort gestellten Fragen. Was fast immer untergeht: Vor oder nach diesem Gespräch sitzen Sie an einem Computer und absolvieren mehrere sogenannte Leistungstests, oft auch schlicht als "MPU-Reaktionstest" bezeichnet. Gemeint ist damit meist die gesamte computergestützte Testbatterie, nicht nur ein einzelnes Verfahren. Diese Tests sind ein fester Bestandteil der MPU, unabhängig davon, ob es um Alkohol, Drogen oder Punkte geht. In diesem Artikel erkläre ich, warum es diese Tests gibt, welche konkreten Verfahren zum Einsatz kommen und was ein Ergebnis unter der geforderten Norm tatsächlich bedeutet.
Kurz erklärt: Leistungstests prüfen psychophysische Fähigkeiten wie Konzentration, Reaktionsvermögen, Belastbarkeit und visuelle Wahrnehmung, die für sicheres Autofahren wichtig sind. Sie werden computergestützt durchgeführt, meist mit dem in Deutschland verbreiteten Wiener Testsystem, und die Ergebnisse werden anhand des sogenannten Prozentrangs mit einer Vergleichsgruppe eingeordnet.
Warum gehören Leistungstests zur MPU?
Die MPU beschränkt sich nicht auf die Frage, ob Sie Ihr früheres Verhalten reflektiert und verändert haben. Sie prüft auch, ob Sie über die psychophysischen Grundvoraussetzungen verfügen, die für das sichere Führen eines Fahrzeugs notwendig sind. Dazu gehören unter anderem die Fähigkeit, sich über längere Zeit zu konzentrieren, schnell und richtig auf mehrere Reize gleichzeitig zu reagieren, auch unter Stress noch zuverlässig zu handeln und komplexe Verkehrssituationen in Sekundenbruchteilen zu erfassen.
Diese Fähigkeiten werden nicht im Gespräch, sondern mit standardisierten, computergestützten Testverfahren erhoben. Der Vorteil: Die Ergebnisse sind objektiv messbar und lassen sich mit einer großen Vergleichsgruppe in Bezug setzen, statt auf dem subjektiven Eindruck eines einzelnen Gesprächs zu beruhen.
Welche Leistungstests werden eingesetzt?
Je nach Fragestellung und Begutachtungsstelle kommen unterschiedliche Testverfahren zum Einsatz. Drei Verfahren gehören zu den am häufigsten eingesetzten und möchte ich Ihnen im Detail vorstellen.
COG/S11 – Test zur Messung von Aufmerksamkeit und Konzentration
Bei diesem Verfahren, häufig auch als Cognitrone bezeichnet, wird Ihnen eine Vorlage-Figur gezeigt, eine eher unregelmäßige, abstrakte Form. Daneben oder danach sehen Sie mehrere Vergleichsfiguren. Ihre Aufgabe ist es, für jede Vergleichsfigur so schnell und so genau wie möglich zu entscheiden, ob sie mit der Vorlage identisch ist oder nicht.
Vereinfachte, selbst erstellte Prinzip-Darstellung des Figurenvergleichs bei COG/Cognitrone – nicht der Originalbildschirm der Testsoftware. Video-Beispiel des echten Testbildschirms ansehen ↗
Das Besondere an diesem Test ist die Dauer: Die Aufgabe wiederholt sich über einen längeren Zeitraum viele Male hintereinander. Gemessen werden dabei nicht nur Geschwindigkeit und Genauigkeit Ihrer Entscheidungen, sondern auch, wie konstant Ihre Leistung über die gesamte Testzeit bleibt. Wer zu Beginn schnell und richtig arbeitet, aber nach einigen Minuten deutlich nachlässt, zeigt damit etwas anderes als jemand, der von Anfang bis Ende gleichmäßig konzentriert bleibt.
DTS1 – Test zur Messung der Belastbarkeit und des Reaktionsvermögens
Dieser als Determinationstest bekannte Test simuliert eine Situation, in der sehr viele Reize sehr schnell hintereinander auf Sie einwirken, ähnlich wie in dichtem Stadtverkehr. Auf einem Bildschirm erscheinen farbige optische Signale, gleichzeitig ertönen unterschiedliche akustische Signale. Auf jedes Signal müssen Sie mit der passenden Reaktion antworten: bei farbigen Lichtsignalen mit der entsprechend farbigen Taste, bei Tönen mit einer hellen oder dunklen Taste je nach Tonhöhe, und bei bestimmten optischen Signalen zusätzlich mit dem linken oder rechten Fußpedal.
Vereinfachte, selbst erstellte Prinzip-Darstellung des Determinationstest-Aufbaus – nicht der Originalbildschirm der Testsoftware. Video-Beispiel des echten Antwortpanels ansehen ↗
Entscheidend ist hier vor allem die Reaktionsgeschwindigkeit unter Belastung: Die Reize folgen so schnell aufeinander, dass Sie kaum Zeit zum Nachdenken haben. Erfasst werden richtige Reaktionen, verzögerte richtige Reaktionen und Fehlreaktionen. Der Test bildet damit ab, ob Sie auch dann noch zuverlässig reagieren, wenn mehrere Dinge gleichzeitig Ihre Aufmerksamkeit beanspruchen.
ATAVT/S1 – Test zur Messung der visuellen Wahrnehmungsleistung
Der Adaptive Tachistoskopische Verkehrsauffassungstest, kurz ATAVT, prüft, wie schnell und vollständig Sie eine komplexe Verkehrssituation erfassen können. Ihnen werden Bilder von Verkehrssituationen nur sehr kurz gezeigt, üblicherweise im Bereich von etwa einer Sekunde. Anschließend geben Sie an, was Sie auf dem Bild wahrgenommen haben, und zwar anhand vorgegebener Kategorien wie Fußgänger, Fahrzeuge, Zweiräder, Verkehrszeichen und Ampeln.
Beispielhafte Verkehrssituation: Beim ATAVT wird ein vergleichbar komplexes Bild nur für einen sehr kurzen Moment eingeblendet, danach geben Sie an, was Sie erkannt haben. Video-Beispiel des echten Testbildschirms ansehen ↗
Damit der Test für alle Teilnehmenden aussagekräftig bleibt, passt sich die Schwierigkeit während der Bearbeitung automatisch an Ihre bisherige Leistung an: Läuft es gut, werden die folgenden Situationen anspruchsvoller, laufen sie schlechter, folgen wieder leichtere Situationen. So lässt sich Ihr tatsächliches Leistungsniveau präzise einordnen, statt nur ein grobes Bestehen oder Nichtbestehen festzustellen.
Unsicher, was Sie bei den Leistungstests erwartet?
Im kostenlosen Erstgespräch erkläre ich Ihnen, welche Tests in Ihrem konkreten Fall wahrscheinlich sind und wie Sie sich sinnvoll darauf vorbereiten.
Jetzt kostenloses Erstgespräch anfragenWie werden die Ergebnisse ausgewertet? Der Prozentrang einfach erklärt
Ihr Ergebnis in jedem Test wird nicht als Schulnote oder einfacher Prozentwert richtiger Antworten ausgedrückt, sondern als Prozentrang (PR). Der Prozentrang gibt an, wie viel Prozent einer festgelegten Vergleichsgruppe schlechter abgeschnitten haben als Sie. Ein Prozentrang von 50 bedeutet: Sie liegen genau im Durchschnitt, die Hälfte der Vergleichsgruppe war schlechter, die andere Hälfte besser. Ein Prozentrang von 16 bedeutet: 16 Prozent der Vergleichsgruppe haben schlechter abgeschnitten als Sie, 84 Prozent besser. Sie liegen damit im unteren Bereich der Verteilung, aber eben noch innerhalb dessen, was als ausreichend für den Straßenverkehr gilt.
Warum ausgerechnet PR 16? Diese Zahl ist kein Zufallswert. In einer statistisch normalverteilten Vergleichsgruppe liegen etwa 68 Prozent aller Werte innerhalb einer Standardabweichung um den Mittelwert. Das lässt an den beiden Rändern der Verteilung jeweils rund 16 Prozent übrig. Ein Prozentrang von 16 entspricht damit ungefähr einer Standardabweichung unterhalb des Durchschnitts, ein in der Psychologie gängiger und anerkannter Grenzwert, um „noch ausreichend" von „auffällig unterdurchschnittlich" abzugrenzen.
Für die Fahrerlaubnisklasse B gilt in der Regel ein Mindest-Prozentrang von 16 je Testverfahren. Bei höheren Anforderungen, etwa für Berufskraftfahrer oder die Fahrgastbeförderung, wird häufig ein strengerer Wert von Prozentrang 33 verlangt.
Was passiert, wenn ein Testergebnis unter Prozentrang 16 liegt?
Diese Sorge höre ich häufig, und die gute Nachricht vorweg: Ein einzelnes Testergebnis unter PR 16 bedeutet nicht automatisch ein negatives Gutachten.
Was in der Praxis üblich ist
- Parallelform des Tests: Häufig kann ein einzelner Test in einer alternativen, gleichwertigen Fassung wiederholt werden, etwa wenn Nervosität oder Ungewohnheit mit dem Testformat das erste Ergebnis erklären könnten.
- Betrachtung des Gesamtprofils: Ihr Ergebnis wird nicht isoliert bewertet, sondern im Zusammenhang mit den anderen Testergebnissen und dem Gesamtbild betrachtet.
- Fahrverhaltensbeobachtung: Reicht das allein nicht aus, kann eine begleitete Fahrprobe mit Fahrlehrer und Psychologe angeordnet werden. Dabei wird geprüft, ob Ihr tatsächliches Fahrverhalten im realen Verkehr die im Test gemessene Schwäche ausgleicht, etwa durch Erfahrung, vorausschauendes Fahren oder angepasstes Tempo.
- Medizinische Abklärung: Besteht der Verdacht auf eine gesundheitliche Ursache für das schwache Ergebnis, kann zusätzlich eine ärztliche Untersuchung sinnvoll oder erforderlich sein.
Erst wenn sich die Schwäche auch in der Gesamtschau nicht ausgleichen lässt, etwa weil auch die Fahrverhaltensbeobachtung Auffälligkeiten zeigt, wirkt sich das Ergebnis auf das Gutachten aus, im Sinne von Auflagen oder im ungünstigsten Fall einer negativen Prognose.
Wichtig: Ein schwaches Ergebnis in einem einzelnen Leistungstest ist kein Grund für Panik. Die Begutachtung berücksichtigt immer das Gesamtbild und bietet mehrere Wege, eine punktuelle Schwäche einzuordnen oder auszugleichen, bevor daraus Konsequenzen für das Gutachten entstehen.
Wie können Sie sich auf die Leistungstests vorbereiten?
Echte, dauerhafte Konzentrations- oder Reaktionsschwächen lassen sich nicht in wenigen Tagen wegtrainieren. Trotzdem gibt es einiges, das Sie tun können, damit Ihr Ergebnis Ihre tatsächliche Leistungsfähigkeit widerspiegelt und nicht durch Nervosität oder schlichte Ungewohnheit mit dem Testformat verfälscht wird:
- Format kennenlernen: Wer weiß, wie eine Aufgabe aufgebaut ist und was von ihm verlangt wird, kann sich auf den Inhalt statt auf die Form konzentrieren.
- Ausgeruht antreten: Schlafmangel und Erschöpfung wirken sich messbar auf Konzentration und Reaktionsgeschwindigkeit aus.
- Mit der Aufregung rechnen: Ein gewisses Maß an Nervosität ist normal und wird von den Tests in gewissem Rahmen toleriert. Wer weiß, was ihn erwartet, ist in der Regel ruhiger.
Das Wichtigste: Die Leistungstests sind kein unüberwindbares Hindernis, sondern ein standardisiertes, faires Verfahren mit eingebauten Sicherheitsmechanismen für Grenzfälle. Wer weiß, was ihn erwartet, kann deutlich entspannter in den Testtag gehen.
Eva-Maria Merkel, Psychologin